DER EXPERTE HAT DAS WORT

Die Qualität von Raufutter – wie sie bewertet wird und warum sie wichtig ist.

von Mattia Fustini

Um eine angemessene Ernährung von Milchvieh sicherzustellen, ist es nötig, den realen Nährwert der im Betrieb eingesetzten Futtermittel festzulegen und zu kennen.

Dies ermöglicht die Verwendung der geeignetsten Futtermittel für Milchkühe, trockenstehende Kühe und Jungvieh.

Raufutter als Grundlage der Futterration

Die Verwendung qualitativ hochwertigen Raufutters ist ein Schlüsselfaktor für bessere Ergebnisse bei Fortpflanzung, Gesundheit und allgemeinem Wohlbefinden von Vieh. Jedes Raufutter hat seine eigene Nährstoffzusammensetzung, also einen spezifischen Gehalt an Kohlenhydraten (Fasern und Zucker), Eiweiß und anderen Bestandteilen wie Mineralstoffe und Vitamine, die, auch wenn sie in nur kleinen Mengen enthalten sind, dennoch eine wichtige Bedeutung für den Organismus spielen.

          

 

Sinnenbeurteilung von Heu

Viele Informationen ergeben sich bereits aus einer sensorischen Untersuchung von Heu. Zunächst kann festgestellt werden, welche Pflanzenarten enthalten sind (artenreiches Wiesenheu oder Heu aus einer einzigen Pflanzenart) sowie das Vorhandensein von Unkräutern und gegebenenfalls deren Toxizität für die Tiere.


Daneben lässt sich visuell der Reifegrad als einem der wichtigsten Faktoren für die Qualität des Raufutters bestimmen: bei Gräsern anhand des Rispenbildungsstadiums, bei den Leguminsoen anhand des Blütenentwicklungsstadiums. Ausgehend von diesen Kriterien lassen sich 3 Qualitätsstufen festlegen:

1. Beginn der Rispen- bzw. Blütenbildung: erkenntlich an den feinen, weichen Halmen mit hoher Blattzahl; Anzahl der Rispen oder Blüten in der Heuprobe unter 10%;

2. Volles Rispenspreiz- bzw. volles Blütenstadium: die Zahl der Rispen/Blüten beträgt beinahe 50%;

3. Spätes Rispenspreiz- bzw. Blütenstadium (Vorhandensein von Samen oder Körnern): Halme mit dicken Stängeln, Anwesenheit von Samen oder Körnern, niedrige Blattzahl.

Die ideale Farbe von Heu nähert sich dem Grün von frischem Gras. Dafür sind früher Schnitt sowie korrekte Trocknung und Lagerung nötig. Bei fehlerhaftem Verlauf dieser Prozesse kann es zu Schimmel, rötlichen Verfärbungen (die auf Gärung oder Erhitzung hinweisen) oder übermäßiger Staubigkeit kommen.

 

          

 

 

Futteranalyse

Laboranalysen dienen dem Zweck, die Werte für die Formulierung der Futterration zu ermitteln. Damit die Analyse wirklich den Qualitätsdurchschnitt des geprüften Futters widerspiegelt, ist eine korrekte Probenahme erforderlich. Um an mehreren Punkten tiefgehende repräsentative Proben von außen entnehmen zu können (mindestens 4 Ballen pro Charge oder 4 Punkte mit unterschiedlicher Entnahmetiefe aus dem Heustock oder dem Fahrsilo) wird ein Probestecher benötigt. Die Futterprobe darf nicht zu groß sein, um Probleme im Labor zu vermeiden (Gewicht zwischen 250 und 400 Gramm). Unter Umständen kann eine Endprobe aus mehreren Einzelproben der Partie zusammengestellt werden.


Eine klassische Laboranalyse beinhaltet den Wert für:
• die Trockenmasse: das Gewicht der Probe nach Feuchtigkeitsentzug. Die Nährstoffe werden dann in Prozent der Trockenmasse angegeben, um den Verdünnungseffekt durch die Feuchtigkeit auszuschließen und den Vergleich der Futterstoffe bei der Rationierung zu erleichtern. Bei Heu wird von einem durchschnittlichen Wert von 90% Trockenmasse ausgegangen. Eine Feuchtigkeit von mehr als 14 - 18% bedeutet Schimmelrisiko.


• Faseranalyse: Neutral-Detergenz-Faser (NDF) und Säure-Detergenz-Faser (ADF). Der NDF-Wert berücksichtigt alle Faserteile, einschließlich der Hemicellulose, während der ADF-Wert einen Teil davon darstellt und nur Zellulose und Lignin misst.


Auf den Futtermitteletiketten ist der Wert für Rohfaser angegeben, die offizielle, aber für die Rationsgestaltung weniger nützliche Methode (da sie nur einen Teil der Fasern berücksichtigt).

 

Seit kurzem setzt sich vermehrt die Faserverdaulichkeitsanalyse durch; sie stellt den prozentualen NDF-Anteil dar, der von den Mikroorganismen tatsächlich verdaut wird (zur Bewertung dient ein Bezugszeitrahmen von 24, 30 oder 48 Stunden).


• Roheiweiß: ist unter Ernährungsgesichtspunkten sehr wichtig und wird je nach seiner Aufspaltbarkeit im Pansen nach löslichem und unlöslichem Eiweiß unterschieden. Auch letzteres ist für die Ernährung geeignet, mit Ausnahme der mit der ADF verbundenen Fraktion, die – falls in zu hohen Mengen vorhanden – auf ein Problem mit übermäßig starker Erwärmung des Futters hinweisen kann.


Ein Laborbericht liefert zahlreiche weitere Parameter, wie den Aschegehalt (niedrige Werte zeugen von einer guten Heubereitung ohne Verschmutzung durch das Erdreich), das Rohfett, den Zucker oder andere Werte, die anhand von Formeln mit den Analysewerten berechnet werden: „NEl”, die Milch-Nettoenergie oder „TDN”, die Summe der verdaulichen Nährstoffe. Der derzeit häufigst verwendete Wert ist die RFQ (relative Futterqualität, die über NDF, ADF, Roheiweiß, NDF-gebundenes Eiweiß, Verdaulichkeit der Faser in 48 Stunden, Rohfett und Aschegehalt) bestimt wird. Dieser Wert erlaubt es, die Futterarten nach der Verdaulichkeit des NDF zu unterscheiden und sie nach Nutzungskategorie oder wirtschaftlicher Bewertung zu unterteilen:


RFQ-Werte

Milchviehkategorie

100 – 120 Trockenstehende Kühle und trächtige Kalbinnen
115 - 130 Färsen zwischen 12 und 18 Monaten
125 - 150 Milchkühe in der Mitte bis am Ende der Laktation
140 - 160 Frisch abgekalbte Kühe, weibliche Nachzuchtrinder

 

Dott. Mattia Fustini

Hochschulabschluss cum laude in Veterinärmedizin und Promotion in Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften an der Universität Bologna. Fachabschluss cum laude in Tiergesundheit, Tierhaltung und Tierproduktion an der Universität Camerino. Dott. Mattia Fustini wurde im Trentino geboren, wo seine Familie einen Milchviehbetrieb führt. 2007 Tätigkeit an der Penn State University unter Leitung von Prof. Jud Heinrichs, mit Studium der Rolle der physikalisch wirksamen Faser in den Futterrationen für Milchvieh. Von 2008 bis 2017 Leiter der Versichstierzucht der Universität Bologna. Seine Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf die Auswirkungen der physischen Größe der Futterpartikel hinsichtlich Leistung, Fressverhalten und Pansenvergärung von Milchkühen. Gegenwärtig befasst er sich mit der Zusammenstellung von Futterrationen und Leitung von Milchviehbetrieben.